Logo
BannerAnzeige

Stadtgespräch

„Stärkt die Innenstadt als Wohnstandort!“

Citymanager, Architektin, Bürger: Drei Gütersloher über die Innenstadtentwicklung

Interview: Heiner Wichelmann
Foto: Antoine Jerji

Anzeige Level up

Der Wandel im Handel gewinnt an Bedeutung für die Entwicklung der Stadt. Die Verlagerung von Einkäufen aus dem stationären (Einzel-)Handel in das Online-Geschäft, zunehmende Filialisierungen, die das Warenangebot in den Innenstädten und Zentren austauschbar machen, Leerstände bei Handel und Gastronomie und vieles mehr wurden durch Corona noch beschleunigt; das drohende Ende von Karstadt markiert zudem eine weitere Zäsur. Gütersloh steht vor einem Veränderungsprozess, die Innenstadt muss sich der Entwicklung stellen und zu einem Ort für Handel, Dienstleistungen, Wohnen, Kultur, Bildung und Freizeit werden. Wie sollte dieser Prozess gestaltet werden? Welche Chancen für eine gute Zukunft hat Gütersloh? Diese und andere Themen diskutierte GT-INFO mit Citymanager Jan-Erik Weinekötter (Geschäftsführer Gütersloh Marketing), Architektin Heike Winter (Geschäftsführerin Geno-Immobilien) und dem Vorsitzenden der Kulturgemeinschaft Dreiecksplatz Hans-Hermann Strandt (begleitete als Mitglied des Planungsausschusses von 1975 bis 2000 die Stadtentwicklung aktiv mit).

Dass die Innenstadt ihr Gesicht verändern muss und wird, ist für die drei Diskussionsteilnehmer unausweichlich. Die Innenstadt vermehrt als Wohnstandort stärken, wünscht Hans-Hermann Strandt. Jan-Erik Weinekötter verweist auf das „Sofortprogramm Innenstadt 2020“ der Landesregierung Nordrhein-Westfalen, für dessen Mittelbereitstellung sich die Stadt Gütersloh sofort beworben hat. Heike Winter glaubt, dass inhabergeführte Geschäfte in Zukunft größere Chancen als die Filialisten haben.

Wenn Karstadt wegfällt und wenn es stimmt, dass bis 2025 bereits 40 Prozent aller Waren online bestellt werden: Wird die Gütersloher Innenstadt zur Intensivstation?
Strandt: Wenn 20 Prozent der Geschäfte wegfallen, sieht unsere Innenstadt aus wie ein schlechtes Gebiss: Überall ist ein hohler Zahn dazwischen. Wir müssen die Innenstadt neu denken. Ein „Weiter so“ ist Rückschritt!
Weinekötter: Die Krise gilt für alle Städte. Wir wissen heute, dass wir einen veränderten Nutzungsmix in der Innenstadt brauchen, das muss man ganz klar sagen. Es ist aber eine Entwicklung, die durch verändertes Kaufverhalten schon seit langem getrieben wurde.
Winter: Den Begriff Intensivstation halte ich für überzogen. Was wir erleben, ist ein normaler Wandel, aber wir werden einen Stadtumbau erleben. Papenbreer, Sperling, bald auch Karstadt: Das sind Verluste und Entwicklungen, die zum Handeln zwingen.

Das klingt insgesamt aber mehr nach Business as usual als ein Ruf nach konsequenter Richtungsänderung.
Winter: Die Dringlichkeit zum Handeln sehe ich schon. Die Stadt muss zum Lebensraum werden. Das Kind zur Schule bringen, sich mit Freunden treffen, einkaufen und zum Arzt gehen: Das alles gehört in die Innenstadt, das führt zu mehr Lebendigkeit und hilft dem Einzelhandel.
Weinekötter: Gütersloh wird sicher nicht zur Intensivstation, andere Städte haben viel größere Probleme als wir. Aber von Dringlichkeit würde ich auch sprechen und das mit drei Ausrufezeichen, denn die Funktion von Innenstadt ändert sich. Historisch war sie ja immer auch das Handelszentrum. Dort waren die Kornkammern der Bauern. Der Schankwirt und der Gaukler kamen dann dazu. Der Handel sorgte für die Frequenz. Handel wird aber in Zukunft nicht mehr der Hauptfrequenzbringer sein, sondern es entwickelt sich umgekehrt: Die Funktion der Stadt als kulturelle Begegnungsstätte muss heute so attraktiv sein, dass der Handel, der definitiv nicht mehr das einzige Element in der Innenstadt sein wird, auch davon profitiert. Die Wahrheit ist doch, dass der Handel schon lange in volle Kleiderschränke verkauft, es funktioniert nicht mehr so einfach wie früher. Aber Gütersloh ist auf einem Status quo, der uns handlungsfähig macht.

Wie beurteilen Sie die aktuellen Leerstandszahlen?
Weinekötter: Unser Leerstand in der Innenstadt ist überschaubar, die meisten Leerstände sind temporär. Es wird immer mehr temporäre Leerstände geben, weil die Zeiten vorbei sind, wo du 30 Jahre lang ein unverändertes Geschäftsmodell machen kannst. Man kann es positiv sehen: Wandel bedeutet natürlich auch Abwechslung. Früher gab es die Frühjahr/Sommer- und die Herbst/ Winter-Kollektion, heute wechselt die Kollektion bei einigen Moderiesen alle 14 Tage.
Strandt: In den 70er- und 80er-Jahren war die Innenstadt geprägt als Einkaufs- und Bürostandort. Lasst uns die Innenstadt revitalisieren! Das erreicht man nicht, wenn man die Geschäftsflächen noch ausweitet. Holt die Menschen wieder vermehrt in die Stadt. Stärkt die Innenstadt als Wohnstandort. Wo Menschen wohnen, braucht es soziale und kulturelle Infrastruktur, Lebensmittelmärkte und Gastronomie. Es gibt nicht den einzigen Schalter, sondern ein ganzes Bündel. Übrigens: Ärzte sind in der Stadt willkommen! Die Ärztezentren an den Krankenhäusern waren aus Sicht einer lebendigen Innenstadt ein großer Fehler.
Winter: Man muss schauen: Was hilft, und was ist eher schädlich? Ich habe einfach mal blind die Eigentümer von Häusern einer Straße eingeladen und sie gefragt, wollen Sie die Straße so wie sie jetzt ist, mit Nagelstudio, indischen Gewändern, Sushi-Bar, Handy-Shop und so weiter oder nicht? Oder würden Sie auch auf den einen oder anderen Euro bei der Vermietung verzichten, dafür aber durch eine andere Nutzung zur Werterhaltung der Straße und damit der Immobilie beitragen? Es war ein positives, konstruktives Gespräch.  

Das ist eigentlich eine klassische Aufgabe des Citymanagements, Herr Weinekötter!
Weinekötter: Was wir auch in perfekter Weise in der Berliner Straße praktizieren. Die Immobilien- und Standortgemeinschaft ISG will die Straße in ihrer Bedeutung erhalten und setzt für die Attraktivitätssteigerung ihres Viertels eigene Finanzmittel und privates Engagement ein – dabei unterstützt sie Gütersloh Marketing tatkräftig und im engen Kontakt. Citymanagement braucht Akteure vor Ort, wie es sie bei der ISG gibt. Du kannst nicht zu den Händlern kommen und sagen: du musst. Dann kommst du nicht weiter. Aber die Stadt hat Möglichkeiten im Baurecht. So hat sie die Veränderungssperre bei Karstadt ausgesprochen, um den Fuß in der Tür zu haben und mitgestalten zu können – ein völlig richtiger Weg.
Strandt: Wenn die Eigentümer mitziehen, haben wir den entscheidenden Schlüssel in der Hand. Als die Stadt vorm letzten Stadtjubiläum 2000 zu runden Tischen einlud, war das die Geburtsstunde der Langenachtderkunst und der Woche der kleinen Künste. Warum nicht auch jetzt, wo wir an einem Wendepunkt sind, einen solchen Ideenaustausch wieder angehen? Man kann so viel machen: Der Vorplatz der Martin-Luther-Kirche könnte stärker an den Berliner Platz angebunden werden, und auch der Theodor-Heuss-Platz bietet viel Potenzial. Der Konrad-Adenauer-Platz muss mehr sein als ein schöner Architekturplatz.

Sie sind sich also einig: Gütersloh steht an einem Wendepunkt in Richtung Veränderung?
Winter: Ja. Der Einzelhandel kämpft. Aber er hat noch Chancen, indem wir die Innenstadt vitalisieren – durch Wohnen, Arbeit, Kultur und so weiter.
Weinekötter: Es muss die Veränderung geben, denn seit Jahren wird mehr Einzelhandelsfläche produziert, als gebraucht wird. Das führt zunehmend zu Trading-down-Effekten. Es gibt aber auch positive Entwicklungen: Beispiele sind die ISG, das Bankery, der Gütersloher Frühling, dann gibt es das Café Bunnemann und daneben den Laden feine Dinge. Mitten in der Corona-Zeit hat gegenüber dem Rathaus eine Salat-Bar aufgemacht, die ich nur empfehlen kann – und Frozen Joghurt gibt’s inzwischen auch in der Stadt. Auch der neue Laden Treehoppers an der Königstraße ist absolut in, sowas brauchen wir. Es gibt also Veränderungen, die funktionieren. Und für den Kunden wird’s abwechslungsreicher.
Winter: Könnte es nicht bedeuten, dass die inhabergeführten Geschäfte in Zukunft endlich mal einen Vorsprung haben vor den Ketten? Sie haben größere Chancen heute.
Strandt: Der Einzelhandel muss sich auf seine Stärken besinnen: Beratungs- und Servicekompetenz als Stichworte. Erlebnisqualität beim Einkaufen als Unterscheidungsmerkmal zum Online-Handel.
Weinekötter: Wir brauchen auch H&M, aber es stimmt: Der Mix wird sich verschieben. Inhabergeführter Einzelhandel kann dem Algorithmus der großen Ketten den Faktor Mensch entgegensetzen. Für das Thema Digitalisierung bedeutet das: Ich muss meinen Laden digital so aufstellen, dass ich die Menschen zum Point of Sale hole, wo ich besser bin als die Versender. Wir helfen dem Einzelhandel mit kostenloser Beratungsarbeit, und es gibt aktuell eine Vielzahl an Fördermitteln für die Digitalisierung.

Wären Vertriebsverbundlösungen der Einzelhändler und ein grünes Logistikzentrum für Gütersloh nicht sinnvoll?
Weinekötter: Ja, aber man muss sehen: Viele kleine Einzelhändler verfügen nicht mal über ein Warenwirtschaftssystem. Diese Verbundlösungen für das Ausliefern funktionieren noch nicht, das gilt bundesweit. Viel wichtiger ist es, die digitale Welt als Kommunikationskanal zu nutzen. Das hat Klaus Sperling sehr gut gemacht: Der hat Storys erzählt, Fotos von seiner Kleidung aus ganz Europa in die Social-Media-Kanäle geschickt.

Brauchen wir ein definiertes Ziel, wohin sich Gütersloh entwickeln soll?
Strandt: Revitalisierung gelingt nur mit Vielfalt. Ich fände es auch gut, den Standort der Fachhochschule noch mal zu diskutieren. Standorte in der Innenstadt bieten die einmalige Chance, junges Publikum an die Stadt zu binden. Warum nicht am Standort Karstadt?
Weinekötter: Es gibt ein integriertes städtebauliches Entwicklungskonzept für die Stadt – den Masterplan 2020 plus, der unter Bürgerbeteiligung entwickelt wurde und auch fortgeschrieben wird. Jetzt sind wir an einem Wendepunkt, was die Zukunft der Innenstadt angeht und es gibt eine aktuelle gute Nachricht: Das Land NRW hat nach den Erfahrungen unter Corona ein Sofortprogramm Innenstadt verabschiedet, das eine bis zu 90-prozentige Förderung für einzelne Maßnahmen vorsieht. Bürgermeister Schulz und die Verwaltung haben sofort reagiert und einen Berater engagiert, der den Antrag formulierte. Es gibt drei Töpfe: Anmietung von Leerständen, um Räume zum Ausprobieren zu haben. Zweitens: Zentrenmanagement. Hier werden die Beratungsprozesse für die Neudefinition von Stadtzentren finanziell gefördert. Der dritte Punkt betrifft die Förderung von Machbarkeitsstudien und Bedarfsanalysen für den sogenannten großflächigen Einzelhandel – unser Karstadt. Schon Anfang 2021 soll Geld fließen. Das ist ein ungeheurer Sprint. Unsere Aufgabe ist, mit engagierten Bürgern mit fachlichem Know-how zusammenzukommen. Die entscheidende Frage wird sein: Wie nutzen wir die Immobilien?

Sie wollen sich jetzt noch nicht auf ein Leitbild festlegen lassen?
Weinekötter: Ich habe sehr viele in meinem Berufsleben geschrieben und halte nicht viel davon. Wofür steht Gütersloh? Für Familie, für Wirtschaft, für Grün, Sicherheit und Sauberkeit. Auch für kurze Wege. Was Gütersloh aber ganz besonders gut macht, ist Kultur. Da sind wir sehr, sehr stark. Wir haben Mitte des Jahres mit Andreas Kimpel und dem Vorstand der Werbegemeinschaft zusammengesessen und beschlossen, Workshops durchzuführen, wie wir die Themen Kultur und Handel – Stichwort Culture & Retail – zusammenbringen können, zum Beispiel durch Art-Hopping in Leerständen. Das zweite Großthema für Gütersloh ist der Digitale Aufbruch. Gütersloh ist Anfang dieses Monats in das Förderprogramm „Modellprojekte Smart Cities made in Germany“ aufgenommen worden, womit zukunftsweisende Projekte in Gütersloh in den kommenden sechs Jahren mit rund 8,5 Millionen Euro vom Bund gefördert werden. Das wird uns bei dem Projekt helfen: Wie komme ich smart in die Stadt, wie parke ich smart, was für eine smarte Mobilität und Logistik habe ich zur Verfügung? Gütersloh wird smart.
Winter: Zu den kurzen Wegen fällt mir ein: Es fehlt an Markierungen hier in Gütersloh, um zum Beispiel Pättken besser nutzen zu können. Es werden ja immer mehr Menschen in die Stadt ziehen, auch Ältere, die nicht allein sein wollen am Stadtrand. Die brauchen Orientierung. Auch Jogger, die noch schneller ins Grüne wollen.

Was ist, wenn wir fünf Jahre auf eine Karstadt-Lösung warten müssen?
Weinekötter: Das ist das Horrorszenario, klar. Aber wir wollen das alle verhindern.
Winter: Es braucht ein anderes Format. Karstadt ist offensichtlich nicht mehr zukunftsfähig. Aber es wird bestimmt schon drei Jahre dauern, bis eine Lösung gefunden ist. Bis dahin sollte es Zwischenlösungen geben, vielleicht einen temporären Markt im Erdgeschoss und Kioskgastronomie. Generell sind auch Wohnungen denkbar. Sollte Karstadt überplant werden, muss man auch die Spiekergasse und Münsterstraße mitdenken. Strandt: Warum nicht den Charme einer witterungsunabhängigen Markthalle an diesen Standort bringen? Auch, wenn sich das heute die Marktbetreiber nur schwer vorstellen können.

Wären die Innenstadt und vielleicht auch die Karstadt-Immobilie der bessere Standort für die Fachhochschule?
Weinekötter: Natürlich würde ich mich über jede zusätzliche Frequenz in der Stadt freuen, besonders über junge Studierende, und durch Corona und Karstadt hat sich die Diskussionsgrundlage auch noch einmal verändert. Aber die Frage nach dem richtigen Standort ist natürlich auch eine bildungspolitische und wirtschaftliche Fragestellung, die am Ende die FH beantworten muss. Die FH hat für den Wirtschafts- und Bildungsstandort Gütersloh eine sehr hohe Bedeutung – und daher ist es sicherlich sehr wichtig, dass wir sie und ihre Studierenden, unabhängig von der Standortfrage, weiterhin herzlich in unserer Stadt willkommen heißen. Und wer weiß, vielleicht gibt es ja auch ein sowohl als auch? Die wichtigere Aufgabe ist vielleicht, die Innenstadt so attraktiv zu gestalten, dass auch junge Menschen gerne in die Stadt kommen.
Strandt: Man sollte versuchen, beide Interessenlagen unter einen Hut zu bekommen.
Winter: Ich denke auch, man sollte da noch mal hingucken, das wird die Verwaltung sicher auch beschäftigen. Ich persönlich halte die Innenstadt für eine viel bessere Lösung, um die Studierenden an die Stadt zu binden. Wenn die regionale und lokale Industrie die Fachhochschule hier fördert, will sie letztlich auch, dass die jungen Ingenieure in ihren Unternehmen bleiben oder zumindest ihre Start-ups in Gütersloh gründen.

Noch einmal: Braucht Gütersloh ein neues Profil?
Weinekötter: Das haben wir schon, denn wir sind extrem gut als Familien- und Wirtschaftsstandort. Wenn jemand eine Familie gründet und in Berlin war, ist für ihn Gütersloh The Best Place to Be. Kein Moloch, aber wir haben alle Angebote. Da sind wir extrem gut – und da dürfen wir auch selbstbewusst sein.
Winter: Das passt nicht so recht zur Gütersloher Mentalität, wo man eher den Mangel kommuniziert. Allerdings gilt das wohl fast für alle Städte.
Strandt: Ich glaube da an den identitätsstiftenden Prozess des Nachdenkens über die Zukunft der Stadt. Mit einer breiten Beteiligung der Vielen.

Frau Winter, eine Schlussfrage: Finden Sie in Gütersloh alles zum Einkaufen?
Winter: Ja! Alles was ich brauche und das zu Fuß! Ich wohne in der Innenstadt und bin ein Null-Energie-Einkäufer.
Weinekötter: Fast alles, was ich heute trage, habe ich im stationären Handel der Innenstadt gekauft.

Auch die Schuhe?
Weinekötter: Nein, die hätte ich hier nicht bekommen, was aber eher an meinem besonderen Geschmack als an mangelnder Auswahl in Gütersloh liegt.