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Reportage

„Uns haut so schnell nichts um!“

Corona-Diaries: Gütersloher Band The Picturebooks erzählt, wie sie die erzwungene Auszeit erlebt und was sie trotz allem positiv stimmt

2020 fing für die zweiköpfige Gütersloher Rockformation The Picturebooks durchweg gut an. Seit Jahren schon geht es für die mittlerweile weltweit bekannten Indierocker nur in eine Richtung – und zwar steil nach oben. Touren quer durch Europa und die USA – auch dieses Jahr war eigentlich schon komplett ausgebucht. Die bisher besten Tourneen und Festivals standen fest in ihrem Jahresplaner. 2020 sollte ihr Jahr werden, soviel war mal sicher. Bereits im Januar und Februar spielten sie also in den USA eigene Shows und obendrauf gab’s noch eine Support-Tour für „British Lion“, die zweite Band von Iron Maiden-Urgestein Steve Harris – und das war wirklich ein großes Ding. Doch dann kam Corona – und alles, was folgen sollte, wurde abgesagt. Aber einfach so schwarzsehen wollten Fynn Grabke und Philipp Mirtschink nicht. „Wie sehen ja viel eher das Positive als das Negative und sind daran gewöhnt, Probleme zu lösen“, sagen sie. Statt also düster in die Zukunft zu blicken, wollten sie die aufgezwungene Auszeit positiv belegen – und machen ganz einfach das, was sie sowieso am besten können: jede Menge Musik.

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GT-INFO hat die Musiker von The Picturebooks und den dritten im Bunde, Manager, Mitproduzent, Videoproducer und Livemischer Claus Grabke, gebeten, ihre Corona-Diaries zu öffnen. Wie also haben sie das Jahr, das Kulturschaffende auf eine harte Probe stellt, erlebt und wie könnte es weitergehen im kommenden Jahr?

„Wie gesagt, 2020 ging für uns richtig gut los! Silvester hatten wir noch in Long Beach, Kalifornien, mit guten Freunden in das neue Jahr reingefeiert, die ersten Shows in San Diego und Los Angeles waren unfassbar gut angekommen, und wir waren bereit für die vielen tollen Sachen, die vor uns lagen. Sacramento, Salt Lake City, Denver, Austin, New Orleans, Orlando, Tampa, Pensacola, Houston, San Antonio, Dallas, Memphis, Nashville, Chicago, Detroit, Cleveland, Lexington, Atlanta, Jacksonville, Ft Lauderdale, Savannah, Greensboro, Lancaster und schliesslich New York. Wir tourten von Küste zu Küste – ein Traum für jeden Musiker. Für uns war es die mittlerweile vierte US-Tour und immer wieder ist es ein grosses Abenteuer.“

Wir parkten den Van und wollten bald zurück sein
Während wir reisten, wurde hin und wieder von einem neuen Virus geredet. „Es ist aber nichts, vor dem man Angst haben müsse“, hieß es. Also nahmen wir das auch nicht sonderlich ernst. Die Nachrichten, vor allem aus Europa, wurden aber immer erschreckender, und so waren wir froh, in einem zu der Zeit noch nicht betroffenem Land zu sein. Nach unserem letzten Konzert in New York parkten wir unseren Van auf einem Langzeitparkplatz am JFK Airport. Schließlich flogen wir ja nur für 25 Tage zurück, um unsere Europatournee zu spielen. Danach stand eine zweimonatige USA-Arena-Tour als Vorband von „Volbeat“ auf dem Plan – ein absoluter Traum und etwas, auf das wir seit Jahren hingearbeitet hatten! Bis zu 8.000 Menschen hätten uns jeden Abend spielen sehen. Aber zu dieser Tour kam es leider nicht mehr.

Erstmal zurück nach Europa
Schon am Flughafen war alles irgendwie besorgniserregend. Ständig hörten wir Durchsagen, dass niemand, der aus China angereist sei, in die USA einreisen dürfe. Zurück in Europa, verbrachten wir zwei Tage in Gütersloh, verstauten das Equipment in unseren Tour-Bus und fuhren nach England zu den ersten sechs von insgesamt 20 Terminen. Brighton, Birmingham, Dublin, Manchester, Glasgow und schließlich Nottingham waren bereits allesamt ausverkauft. Und wir waren happy. Natürlich war Corona mittlerweile omnipräsent, aber tagsüber sah alles normal aus: Die Shows waren voll, die Menschen standen dicht gedrängt und feierten mit uns. Nur abends vor dem Fernseher, kaputt vom Konzert und der vielen Arbeit, holte uns die Realität so langsam aber sicher ein. In Nottingham hatten wir dann den Instinkt zu sagen: „Wir fahren jetzt erstmal nach Hause und schauen, was passiert.“ Die nächste Show wäre in Paris gewesen und bis dahin waren noch zwei Tage Zeit.

Hinter uns wurden die Grenzen geschlossen
Wir bestellten umgehend einen Platz im Eurotunnel. Die Fahrt nach Hause war beispiellos. Noch während der Fahrt kamen die ersten Absagen einiger unserer Konzerte, und direkt hinter uns wurden die Grenzen dicht gemacht. Kaum waren wir aus Frankreich raus, hörten wir im Radio, dass die Grenze nun geschlossen sei, gleiches passierte in Belgien. Unsere Unsicherheit wuchs, und wir waren froh, als wir zurück in Gütersloh waren.
Am nächsten Tag wurde alles abgesagt, nicht nur unsere Tournee, sondern alle Veranstaltungen, die über 100 Personen ziehen. Man nimmt das zunächst mal so einfach hin, aber als dann die Rückreise in die USA untersagt und auch die „Volbeat“-Tournee abgesagt wurde, kam alles zum emotionalen Stillstand. Doch wir hatten immer noch vieles zu erledigen: Unser US-Auto musste vom Flughafen abgeholt und sicher auf unbestimmte Zeit geparkt werden. Wir mussten Flüge stornieren und längst bestellte Merchandising- Artikel für die weiteren Touren stornieren. Es war so viel zu tun, dass wir in den ersten Tagen nach dem Lockdown nicht darüber nachdenken konnten, was da eigentlich geschah. Erst danach kam diese Leere und wir sagten uns, dass jeder von uns erstmal ei-ne Woche frei hat und wir dann beraten würden, wie es weitergeht.

Think positive
Es ist ja eigentlich typisch für uns, dass wir viel eher das Positive als das Negative sehen. Schließlich sind wir durch das viele Reisen und Touren daran gewöhnt, spontan Probleme zu lösen. Uns haut so schnell nichts um! Gemeinsam mit Claus beschlossen wir, die ungewohnt freie Zeit zu nutzen und umso mehr in unserem eigenen Studio an Musikproduktionen zu arbeiten.

Wenn nicht jetzt, wann dann?
Genau das taten wir auch – und machen es immer noch. Wir arbeiten aktuell an den nächsten zwei „The Picturebooks“-Studio Alben. Die Zeit ist ja da und statt zwischen den beiden Platten die typische Pause einzulegen, können wir sie so relativ schnell innerhalb eines Jahres rausbringen. Gleichzeitig arbeiten wir an einem neuen Projekt, das zwar noch nicht spruchreif ist, aber so viel sei verraten: Es werden außer uns noch sehr viele internationale und namhafte Künstler mitwirken. Und dann bringen wir am 4. Dezember ein Album raus. „The Early Years“ heißt es und stellt unsere ersten beiden Alben vor, aus der Zeit, in der wir noch zu dritt waren.

„The early Years“ auf Platte
GT-INFO hat uns von Beginn an auf dem Schirm gehabt und über alle Alben und Tourneen berichtet. Wir waren mit dem „Artificial Tears“-Album damals sogar auf dem Magazin-Cover zu sehen und sehr glücklich darüber. Doch die ersten beiden Alben, „On The Go“ und „Artificial Tears“ gab es allerdings noch nie auf Vinyl. Also haben wir sie jetzt wieder rausgekramt und vier bisher unveröffentlichte Songs dazu gepackt. Mit einem 28 Seiten umfassenden 12 Inch-Booklet kommen sie am 4. Dezember in den Handel.

Nichts ersetzt eine richtige Rock’n’Roll-Show
Viele Bands und Künstler fragen uns, wie sie durch die Krise kommen können, aber eine Antwort ist schwierig, weil sie von sehr vielen individuellen Faktoren abhängt. Live spielen ist unmöglich und das bleibt noch länger so. Die kleinen Wohnzimmerkonzerte auf Facebook-Live will keiner mehr sehen. Die Szene versucht sich an allerlei Konzepten, wie Autokino-Konzerte und ähnlichem. Aber, sind wir doch alle mal ehrlich: Das ersetzt keine richtige Rock’n’Roll-Show! Wir haben uns also vorgenommen, so lange abzuwarten, bis man wieder voll loslegen kann. Zum Glück sind wir vom Land NRW und von der Initiative Musik hier und da finanziell unterstützt worden.

Foto: Danny Kötter