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Kultur

Nirgül knüpft europäisches Künstlerband

Isselhorster Künstlerin vor ihrem größten Projekt

Wie sie da mit ihren strahlenden Augen und voller Empathie von ihrem neuen, wohl dem Königsprojekt ihres künstlerischen Lebens erzählt, möchte man sie in den Arm nehmen und noch ein Stück Kraft und Energie mehr dazu geben, dieses Extremvorhaben erfolgreich durchzuziehen: Nirgül Kantar-Dreesbeimdieke, Künstlerin aus Isselhorst, hat Großes vor. Sie nennt es Europas Künstlerweg. Idee, Kreation, Organisation und Logistik, Motor und Netzwerkerin: Nirgül. Start: 2022. Vorbereitung: längst begonnen. Ihr Projekt hat das Zeug, einer der spektakulärsten Beiträge von Künstlern zur Stärkung der Vernetzung der Nationen Europas zu werden.

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Zu dick aufgetragen? Mitnichten. Das Vorhaben von Nirgül ist nicht nur besonders ambitioniert, es steht auch auf einem soliden Fundament: Europas Künstlerweg wird unter anderem von der Stadt Gütersloh finanziell und organisatorisch als Vorlauf-Projekt zu dem stadteigenen Projekt „C-City“ gefördert. „C“ steht für „Culture“, inhaltlich aber außerdem für „Cultural City Community“. Ziel von C-City ist der Aufbau eines kulturellen europäischen Netzwerkes mit den mit Gütersloh verbundenen Partnerstädten Châteauroux (Frankreich), Grudziadz/Graudenz (Polen), Broxtowe (Großbritannien) und Falun (Schweden). Reihum sollen sich die europäischen Kommunen mit relevanten Projekten im Bereich der Kultur und auch zu gesellschaftspolitischen Themen in einer der anderen Städte präsentieren und so die Bedeutung und den Wert der Europäischen Gemeinschaft herauszustellen. Die Federführung dafür liegt beim Beigeordneten Andreas Kimpel und seinem gesamten Geschäftsbereich Kultur und Weiterbildung mit Daniela Daus als Projektkoordinatorin. Nicht geplant, aber erfreulich: Das Nirgül-Projekt passt zeitlich perfekt zu C-City. Kimpel, der das Potential der Idee des Europa-Künstlerwegs und die Kreativität, vor allem die Willenskraft der Gütersloher Künstlerin kennt und schätzt, hat mit seinem Fachbereich auch die Politik auf seine Seite für die Unterstützung der europäischen Kulturarbeit gebracht. Zu diesem Gesamtpaket gehört Nirgüls Kunstaktion.

Mit der Staffelei von Stadt zu Stadt
Doch der Reihe nach: Nirgül Kantar will auf dem von ihr selbst recherchierten und definierten „Europas Künstlerweg“ in 84 Tagen 42 Städte und Orte besuchen und dabei jeweils 42 Kilometer von Ort zu Ort laufen. Dabei will sie auf einer eigens angefertigten Staffelei wechselnde Werke örtlicher Künstlerinnen und Künstler von einem Ort zum anderen tragen beziehungsweise ziehen. Ein körperlicher Marathon der Kunst für die Idee, europäische Kunstschaffende miteinander zu vernetzen, ihre Arbeiten dem europäischen Publikum nahe zu bringen und, wie sie sagt, „eine kraftvolle Lebensader der über Ländergrenzen hinweg schaffenden Künstler in Europa zu etablieren“. Nirgül startet in Gütersloh, zieht ihre Staffelei mit den wechselnden Bildern zunächst von Gütersloh nach Holland, dann über Belgien und Luxemburg bis zur französischen Partnerstadt Châteauroux – insgesamt 1.764 Kilometer. Das Ganze ist alles andere als eine einsame One-Woman-Show. Im Gegenteil: Nirgül zieht alle Register. Sie organisiert örtliche Ausstellungen in den Zielorten nach jedem Tagesmarsch unter Beisein der teilnehmenden Künstlerinnen und Künstler und lässt die gezeigten Werke von der renommierten heimischen Kunstagentur Hoffmann beurteilen. Eines der jeweils 42 x 42 cm großen Kunstwerke wird dann in einer örtlichen Veranstaltung von Christiane Hoffmann ausgewählt, um von Nirgül auf der Etappe zum nächsten Ort mit der Staffelei gezogen zu werden.

250 Künstler, 193 Orte
Unterwegs bezieht Nirgül jeweils fünf Künstlerinnen und Künstler (im Idealfall aus der Region) in ihre Aktion mit ein; sie können sich aussuchen, an welchem Ort des Künstlerweges sie ihre Kunst (seien es Bilder, Skulpturen,
Musik oder Aktionen) darstellen möchten – gefilmt von einer Drohne und im Internet per Live-
Stream übertragen. Gefilmt und fotografiert für das Internet werden aber auch alle beteiligten Künstler bei den Ausstellungen vor Ort.
So trifft Nirgül rund 250 Künstlerinnen und Künstler auf der Strecke und wird 193 Dörfer und Städte besuchen. Die 1,56 Meter große Isselhorsterin mit türkischen Wurzeln weiß um ihre künftige persönliche Everest-Erfahrung: „Ich trainiere schon seit einem Jahr, auch auf dem Laufband. Bei meiner Schrittlänge von 70 cm muss ich mir den Weg jeden Tag gut einteilen. Das Scheitern ist für mich keine Option. Ich bin eine immer rastlose Künstlerseele, das ist mein Leben, ich könnte nicht anders existieren. Und ich werde von meiner Familie getragen. Mein Mann Stephan wird mich mit dem Fahrrad begleiten, meine Tochter Nuray springt für mich ein, wenn ich, aus welchem Grund auch immer, mal ausfalle. Es geht nicht um mich, es geht um das Projekt, um die Würdigung der Künstler, die sonst nicht im Rampenlicht stehen und um die Verbindung der Künstler über die Grenzen unserer Länder hinweg – ich träume von einem Riesennetzwerk, das Bestand haben wird!“
Erst Châteauroux, dann der
ganze Kontinent
Unser Gespräch ist intensiv, Nirgül bestimmt das Tempo, die mentale Spannung ist spürbar. 1.000 Ideen sind in ihrem Kopf, sie erzählt von Verträgen, Rechten, Lizenzen, von der Medienarbeit, von einem Buch- und einem Musikprojekt, ist begeistert von der Unterstützung durch Andreas Kimpel, der sich auch um Fördergelder für das Projekt bemüht, und freut sich über die jetzt schon bestehenden vielen Kontakte zu den Tageszielen in den fünf Ländern: den Künstlern und Verwaltungen vor Ort, die sie selbst recherchiert und direkt anspricht. Einige von ihnen hat sie bereits in ihren Ateliers besucht und sie bis auf ganz wenige Ausnahmen begeistern können für ihr letztlich kontinentales Projekt. Denn der Weg nach Châteauroux mit anschließendem C-City-Künstlertreffen in Gütersloh ist nur der Anfang: „Ich denke jetzt schon bis 2030, denn ich will alle Länder Europas auf meinem Künstlerweg besucht haben. 2023 folgen Irland, Island, Schottland und England, 2024 Dänemark, Norwegen, Finnland und Schweden, 2025 die baltischen Staaten, Weißrussland und vielleicht Polen, später auch Russland, Türkei, Italien, Spanien, der Balkan und so weiter.“
Künstlerwege auch durch die Städte
Für den Marathon der Kunst, den sie noch das ganze Jahr 2021 vorbereitet, wird eine Tracking-App aufgebaut, welche später den Zuschauern auch die Darstellungen der Künstler auf der Strecke anzeigt. Nirgül und ihre Begleiter legen hierzu alle notwendigen GPS-Punkte fest. Jede Teilstrecke wird vorher recherchiert und über einen QR-Code aufgerufen werden können. Im Oktober ist Nirgül bereits über Rheda-Wiedenbrück, Beckum und Hamm bis nach Arnhem, Amersfoort und Utrecht gelaufen, ab Frühjahr 2021 wird es Richtung Den Haag weitergehen: „Ohne diese Vorbereitung kann ich das Projekt 2022 nicht starten. Ich muss die Strecke, die ja nachhaltig sein soll, für mich festlegen und kennenlernen!“
In den Zielorten selbst wird sie Wege durch die Städte laufen, die von den örtlichen Künstlern gezeigt werden. Auch diese Strecken werden dokumentiert. Nicht zuletzt wird Nirgül auch in jedem angelaufenen Land in einem Container eine Kunst-Installation für seh-eingeschränkte Menschen zeigen. Aber davon später mehr. GT-INFO wird Nirgül bei ihrer Mission für die Kunst und für Europa weiter begleiten.

Text: Heiner Wichelmann