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„Auf lange Sicht eher optimistisch“

Aaron Libeau (19) und das Corona-Jahr 2020: Abitur, Werte, Pläne

Aaron Libeau machte im Juni das Abitur an der Janusz-Korczak-Gesamtschule Gütersloh und studiert seit November Politikwissenschaften an der Universität Bielefeld. Der 19-Jährige steht als Beispiel für eine nachwachsende Generation, die ihren berufl ichen Start in einer Krisensituation der Gesellschaft antreten muss. Wo früher Party war, sind heute Corona und Klimakatastrophe die Themen, die das Leben (mit)bestimmen. Das Gespräch mit dem jungen Gütersloher off enbart ein Stimmungsbild.

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Interview: Heiner Wichelmann

Du stecktest in den letzten Prüfungen vor dem Abitur, als Corona kam. Ein Schock?
Habe ich persönlich nicht so empfunden. Unsere Beratungslehrer auf der Janusz- Korczak-Gesamtschule haben sich sehr engagiert, um uns zum Abitur zu führen, und zu Hause fühlte ich mich privilegiert: eigenes Zimmer, ruhige Atmosphäre und auch das Gefühl einer finanziellen Sicherheit durch die Familie. Aber andere hatten dieses Privileg nicht. Die leben in engen Verhältnissen mit Geschwistern. Ein Schulfreund hatte super Angst, weil sein Vater arbeitslos wurde und die Mutter in Kurzarbeit geriet. Da hat man schon andere Gedanken vor dem Abitur. Er hat am Ende das Abi leider auch nicht geschafft, dafür aber jetzt einen Ausbildungsplatz.

Euer Abitur konntet ihr nicht richtig feiern, oder?
Nein. Keine Mottowoche, kein Abiball und keine Zeugnisvergabe. Der Abiball fi el genau in die Tönnies-Zeit. Unser Abiturzeugnis bekamen wir per Drive-in wie bei McDonald‘s aus dem Fenster ausgehändigt. Dazu gab es ein Foto mit den beiden Beratungslehrern und wir mussten weiterfahren.

Und es gab im Anschluss keine heimlichen Treffen unter euch frischgebackenen Abiturienten?
Nein, wir waren ja im zweiten Lockdown damals. Ich habe aber schon mitgekriegt, dass es Kleingruppen von zehn bis 15 Leuten gab, die sich heimlich trafen. Ich selbst habe Tage später mit meinen zwei engsten Freunden gefeiert, mehr war nicht.

Welche Pläne gab es nach dem Abitur?
Ich wollte erst mal verreisen, ein bisschen die Welt kennenlernen, Abstand gewinnen. Hat leider nicht geklappt. Das ging den meisten so. Für mich war von Anfang an klar, dass ich in Bielefeld studieren wollte, weil ich Diabetiker bin und mein Diabetologe in meiner Nachbarschaft hier in Gütersloh arbeitet.

Wo triffst du dich mit anderen normalerweise außerhalb der Lockdown-Phasen hier in Gütersloh?
Wir gehen gerne in die türkischen Lokale. Das Essen dort gefällt uns. Wir fahren aber auch häufig nach Bielefeld – Elephant, Bierbörse, Club Europa. Von anderen weiß ich, dass die Shisha-Bars hier in Gütersloh ganz beliebt sind, weil man da rauchen kann. Was in diesem Jahr übrigens vollkommen wegfiel, waren die üblichen Geburtstagsfeten und die Hausparty s, wo man einfach so mitgenommen werden kann. Das ist für viele ein echter Verlust. Da fällt soziale Interaktion weg.

Du studierst seit Anfang November. Hast du deine Kommilitonen überhaupt schon mal direkt gesehen – oder läuft das alles digital ab?
Nein, direkt gesehen habe ich noch keinen. Selbst die Vorstellungsrunden liefen per Zoom ab. Donnerstags haben wir jetzt immer einen Kneipenabend, der virtuell abläuft. Zwischen sechs und 20 Leuten sind dabei. Dieser Verzicht auf den direkten Kontakt ist echt schwer. Face to face bleibt nun mal das höchste Gut, jedenfalls in meiner Umgebung. Es gibt Leute, die kommen von weit her, sind nach Bielefeld gezogen und leben allein in einer kleinen Wohnung. Natürlich fahren die viel häufi ger am Wochenende nach Hause, als sie eigentlich geplant hatten.

Abends unterwegs zu sein, das fällt jetzt ja weg. Empfindest du das als Belastung? Was beobachtest du bei den Gleichaltrigen?
Es gibt schon so eine Art Lagerkoller. Man möchte unterwegs sein, rauskommen. Aber es ist auch klar, dass man sich jetzt zurückhalten muss. Die Lust auf Party wird nicht ausgelebt nach meiner Beobachtung. Jedenfalls nicht in Gütersloh. Das wäre in Berlin vielleicht schon anders.

Man kann den Eindruck gewinnen, dass deine Generation die Corona-Situation recht cool nimmt?
Es gibt solche und solche. Ich kann da nur für meinen Umkreis sprechen, und da würde ich sagen, dass wir schon wissen, dass wir nicht nur uns selbst, sondern auch die Gesellschaft schützen müssen.

Wie bist du zur Entscheidung gekommen, Politikwissenschaften zu studieren?
Das Interesse war einfach da. Ein Lehrer am Gymnasium hat mir in Sozialwissenschaften die Augen geöffnet. Ich schwankte zwischen Informatik- oder Politikstudium. Das war dann letztlich eine Bauchentscheidung.

Gibt es ein inhaltliches Thema, das dich politisch angefixt hat?
Da ist schon die Klimadiskussion und die Fridays for future-Bewegung. Mich beschäftigt aber auch das Problem sozialer Ungleichheit. Und ich habe ein starkes Interesse an Europa.

Mit welcher Literatur beschäftigst du dich?
Ich habe in der Corona-Zeit zwei Bücher gelesen, die mich wirklich gefesselt haben. Zum einen „Wie Demokratien sterben“, das in einem Podcast empfohlen wurde. Da ist mir klar geworden, dass man für Demokratie täglich kämpfen muss. Das andere Buch heißt „Utopie für Realisten“. Hier ist das Credo, dass man sich starke Ziele setzen muss. Problemlösungen für Einzelsymptome reichen nicht.

Ist die Jugend von heute ernster als früher?
Wir sind mit Krisen aufgewachsen. Wir müssen daher wohl ernster geworden sein. Die vielen schlechten Nachrichten prasseln ja vor allem digital auf einen ein. Wenn man in seinem Feed bestimmte Wörter eingegeben hat, dann wird man bombardiert davon. Man nimmt das unweigerlich auf.

Fällt die eigene Positionierung im digitalen Zeitalter schwer oder leicht?
Sowohl einfach als auch schwer. Ich denke, man braucht Bauchgefühl. Und man braucht Werte, um zu wissen, was ein Ziel sein kann.

Was sind deine wichtigsten Werte?
Da fallen mir als erstes die Familie und die Freunde ein.

Möchtest du Karriere machen?
Bei mir geht es mehr darum, erfüllt zu sein im Leben. Also einen Beruf zu haben, der erfüllt oder einen Sinn gibt. Natürlich möchte ich Geld haben, aber nur als Sicherheitsaspekt.

Bist du eher grundsätzlich optimistisch oder pessimistisch eingestellt?
Ich würde sagen, ich bin realistisch eingestellt, mit einer Prise Pessimismus. Aktuell glaube ich, dass wir im nächsten Jahr noch mal an Grenzen stoßen werden. Auf fünf Jahre gesehen, bin ich eher optimistisch.

Ist die Welt noch zu retten?
Können wir von Schadensbegrenzung sprechen? Der Schaden ist schon getan an der Welt, ihn jetzt zu begrenzen, das ist die Aufgabe.

Foto: Antoine Jerji