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Stadtgespräch

Rettet die Kultur!

Udo Dommermuth (mmc) und Max Oestersötebier (The Sazerac Swingers) über die Lage der Veranstaltungsbranche und der Künstler in Zeiten von Corona

Interview: Heiner Wichelmann
Fotos: Sebastian Krysiak

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Seit Mitte März befindet sich die Veranstaltungsbranche wegen Corona in einer dramatischen Lage. Sie war die erste Branche, die von heute auf morgen von 100 auf Null herunterschrauben musste und wird vermutlich die letzte sein, die zur Normalität zurückkehren wird. Etliche Existenzen hängen an diesem Wirtschaftszweig, auch in Gütersloh. GT-INFO sprach mit Udo Dommermuth, Geschäftsführer des Veranstaltungstechnik-Dienstleisters mmc Udo Dommermuth, und mit dem Frontmann der Gütersloher Jazzband The Sazerac Swingers, Max Oestersötebier, Gesellschafter und Mitarbeiter der Verler Firma Oestersötebier Lichtwerbung. Fazit: Die Veranstaltungsbranche ist auch im Kreis Gütersloh inzwischen hoch gefährdet. Beide verweisen auf die besondere Bedeutung der Kultur für die Menschen und fordern alternative Konzepte für Events und Künstlerauftritte.

Herr Dommermuth, Corona hat die Veranstaltungsbranche wie kaum eine andere getroffen. Wie würden Sie die Situation Ihres Unternehmens – Sie beschäftigen 14 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und bieten praktisch das komplette Licht-, Ton- und Techniksortiment von der Ausstellung über Messen bis zum Rockkonzert – beschreiben?
Dommermuth: Wir haben entweder keine Einnahmen mehr oder ganz andere Einnahmen. Die Lage ist wirklich ernst, wir müssen an die Substanz gehen. Die aktuellen Hilfen durch den Staat helfen uns, aber die Wahrheit ist, dass sie nur das Minus, das wir haben, minimieren. Deswegen sparen wir jetzt an den Betriebskosten.

Sie sprechen von „anderen Einnahmen“, was meinen Sie damit?
Dommermuth: Da gibt es zum Beispiel aktuell ein Kunstprojekt in Sennestadt: „Hans tanzt“ an der Vennhofallee. Das ist eine Bild-Installation, die wir an verschiedenen Stellen umsetzen. Unter den Corona-Bedingungen ist das ein gutes Angebot für das Publikum, die Menschen können die Installationen im Vorbeigehen erleben. Wir arbeiten jetzt viel draußen. Ansonsten beschäftigen wir uns mit Aufgaben im Rahmen der üblichen Wartungs- und Serviceintervalle. Planungen für das nächste Jahr sind schwierig, es gibt aber schon einen Vorlauf für 2021 und 2022.
Oestersötebier: Meine Perspektive ist eine andere: das ist der Bereich der freien, unabhängigen Musikszene. Da sind wir mit u1nserer Band im nicht unerheblichen Maße auch Auftraggeber für die Branche der professionellen Veranstaltungstechnik und auch für viele Enthusiasten, die das im Nebenerwerb machen. Leider mussten und müssen wir gerade viele Gigs canceln. Das ist eine schwierige Zeit für die Band und ihre Mitglieder und für das ganze Umfeld, das für uns arbeitet.

Wie viele Unternehmen und Beschäftigte gibt es eigentlich allein im Bereich der Veranstaltungstechnik im Kreis Gütersloh und wie sieht die Situation insgesamt aus? Dommermuth: Es ist generell ziemlich katastrophal. Seit März sind 95 Prozent meiner Kollegen direkt davon betroffen. Sie müssen sich echt Gedanken machen, ob sie in 2021 oder 2022 noch weitermachen können. Das tut weh, weil die Menschen in unserer Branche ihren Beruf mit sehr viel Leidenschaft ausüben – also die Technik-Dienstleister, Messebauer, Veranstalter, Spielstätten- und Clubbetreiber, Künstler, Eventagenturen, DJs, Musiker, Caterer, Sicherheitsunternehmen und Solo-Selbstständigen. Alle die, die hinter Güterslohs Veranstaltungen, Shows, Konzerten, Messeauftritten und Partys stehen. Die Leidenschaft braucht es auch, um die vielen Arbeitsstunden und den Stress bewältigen zu können. Hier im Kreis gibt es etwa 25 bis 30 Betriebe, die man zur Veranstaltungsbranche zählen kann. 15 davon sind reine Veranstaltungstechnik-Unternehmen.

Wieviel Umsatzvolumen allein im Kreis Gütersloh steckt dahinter?
Dommermuth: Eine Zahl kenne ich nicht, aber man kann davon ausgehen, dass das Volumen recht groß ist. Schließlich ist unsere Branche mit 149 Milliarden Euro Umsatz und über einer Million Beschäftigten bundesweit die sechstgrößte, liegt knapp hinter der Automobilbranche. Das hat ja vor Corona kaum einer gewusst. Wir sind absolut systemrelevant, nicht nur aufgrund dieser Zahlen, sondern auch wegen der Bedeutung von Kunst und Kultur, Begegnung und Austausch für die Menschen.
Oestersötebier: Ich könnte auch nicht sagen, wie viele Künstler es im Kreis Gütersloh gibt. Viele machen es im Nebenberuf. Ich bin zum Beispiel ein Künstler, den auch nur die GEMA richtig kennt. Das Problem ist, dass man durch alle diese Programme wie Neustart Kultur oder die Überbrückungshilfen fällt, weil sie alleine auf die selbstständigen Künstler im Haupterwerb abzielen. Da ich Inhaber einer Werbetechnikfirma und dort Angestellter meines Unternehmens bin, ist dies mein Haupterwerb. Mein künstlerischer ist zwar ein sehr, sehr signifikanter Teil meines Einkommens, aber nicht der größte. Es wird aber komplett ignoriert, dass ich soviel erwirtschafte, dass ich damit ganz, ganz viele Freiberufler und Unternehmen aus der Kultur- und Veranstaltungsbranche mit Aufträgen versorge. Wir machen seit Jahren sechsstellige Umsätze, für eine Jazzband ist das nicht unerheblich. Die Wahrheit aber ist: Wenn es Corona-bedingt so weiter geht, müssen sich die Mitglieder unserer Band im nächsten Jahr andere Jobs suchen. Jeder von uns lebt soviel vom Projekt Sazerac Swingers, dass er ohne diese Einnahmen nicht leben könnte.
Dommermuth: Kunst- und Veranstaltungsbranche sind sehr miteinander verflochten. Wir sind quasi voneinander abhängig und keiner kann ohne den anderen. Es gibt Künstler, wie zum Beispiel Max, die dies im Neben- oder Zweiterwerb machen, aber Dienstleister buchen, die hauptberuflich davon leben.

Wie kommen Sie psychisch mit der Situation klar?
Dommermuth: Ich bin kein Pessimist und relativ pragmatisch. Wenn ich weiß, dass ich die Parameter nicht ändern kann, dann kann ich damit umgehen und Lösungen erarbeiten. Mit den Geldern, die reinkommen, können wir ein bisschen was auffangen, auch wenn die KFW-Hilfe die Schulden von morgen sind. Und es tut gut, dass viele Kunden uns fragen, ob sie auch in Zukunft mit uns weiterarbeiten können. Was allerdings fehlt, sind die Kontakte auf Messen oder bei anderen Treffen. Unser Business ist in ganz vielen Bereichen vor allem ein Nasengeschäft. Wenn der Trend aber immer mehr zu kleineren Messen geht, wenn sie denn überhaupt noch stattfinden, und alles immer digitaler wird, ist das keine gute Entwicklung für uns. Wir brauchen diesen direkten Austausch.
Oestersötebier: Stimmt. Wenn du mit jemandem zusammenarbeiten willst, redest du solange mit ihm, bis alles passt. Wir hatten neulich in unserer Innung eine Zoom-Konferenz zu den Neuerungen in der Meisterprüfungsordnung, das war supereffizient. Es ging aber nur, weil wir uns alle von der Theke her kennen. Udo Dommermuth und ich können übrigens nicht depressiv werden, wir sind HSV-Fans und somit Kummer gewöhnt. Da freut man sich auch über die kleinen Dinge. Aber im Ernst: Die Entscheidung zum Lockdown-Light im November war schon ein richtiger Stimmungskiller. Da hatte ich mal für einen Tag Sorgen auf einem anderen Level. Für mich waren die Vorgaben Willkür.

Was meinen Sie mit Willkür?
Oestersötebier: Dass die Entscheidung gegen Hotellerie, Gastgewerbe und so weiter nicht auf den Erkenntnissen basiert, die man hat: dass nämlich vor allem die Treffen im Privaten den Virus verbreiten. Das Bethaus mit 700 Leuten darf weitermachen, aber denen, die perfekte Hygienekonzepte entwickelt und umgesetzt haben, schließt man die Geschäfte. Wenn man eine Unterscheidung trifft, dann muss die doch auf Grundlage von Erkenntnissen sein. Ich empfinde diese Differenzierung als ungerecht.
Dommermuth: Ich gebe Max Recht. Nachvollziehbarkeit ist jetzt nicht mehr gegeben. Bisher war ich mit allem so weit einverstanden, was die Regierung gemacht hat und ich schätze auch die Ruhe, die unsere Bundeskanzlerin bewahrt. Aber wenn man jetzt sogar das Theater mit 100 Leuten drin schließt und das öffentliche Leben in großen Bereichen stilllegt, die nachgewiesener Weise nicht ursächlich sind, läuft das falsch. Die gepflegte Gastronomie und Kulturveranstaltungen mit perfektem Hygienekonzept sind die Lösung.
Oestersötebier: Da fahren volle Busse zu den Schulen, aber Einzelunterricht für Musik ist nicht möglich. Diese Unsicherheit über die politischen Entscheidungen macht die Planungen für 2021 noch schwieriger. Selbst wir sind jetzt gezwungen, neues Geschäftsgebaren an den Tag zu legen: Wir sichern jetzt vertraglich Absagemöglichkeiten bis 24 Stunden vorher ab – für Null. Ein weiteres Problem: In Gütersloh gilt ja Kultur als harter Standortfaktor, weil es hier im hohen Maße ehrenamtliches Engagement im künstlerischen Bereich gibt. Wer wird denn jetzt nach dem Lockdown noch irgendwas riskieren, wenn drakonische Strafen drohen? Viele Aktive werden sich jetzt zurückziehen. Klar, dass die sich fragen: Soll ich mir das antun?
Dommermuth: Da kommt einiges zusammen. Keine Tagungen, Konferenzen, Meetings mehr. Die Messen im März, April und Mai müssten jetzt normalerweise vorbereitet werden. Einladungen gibt es aber noch nicht und eine Vorleistung durch uns ist jetzt angesichts dieser ungewissen Zukunft nicht umsetzbar. Für die Prolight & Sound im April in Frankfurt haben schon ganz viele Unternehmen abgesagt. Und ab dem 10. Dezember bis Mitte Januar wird eh nichts mehr entschieden – Weihnachtszeit und Jahreswechsel.

Haben Sie große Befürchtungen mit Blick auf 2021?
Dommermuth: Messetechnisch wird es wohl frühestens ab September 2021 weitergehen, vielleicht gibt es ja im Sommer einige Open- Air-Events. Klar ist: Unsere Zukunft wird digitaler sein als heute. Für uns heißt das: Wo wir Möglichkeiten sehen, Projekte auch digital umzusetzen, werden wir es machen und entsprechend in Personal und Material investieren. Das muss allerdings immer gut überlegt werden.
Oestersötebier: Ich sehe auch was Positives. Corona hat uns alle gezwungen, an neuen, kreativen Ideen zu arbeiten und flexibel zu sein. Uns ist alles abgesagt worden für den Sommer, trotzdem war der Terminkalender für August proppenvoll mit Sachen, die als Ideen erst im Juni und Juli entstanden. Ein Beispiel ist der Paderborner Kultursommer, in dessen Rahmen wir in Schloss Neuhaus ein Konzert mit gerade mal drei Wochen Vorlauf hatten. Die Stadt Paderborn hatte gemerkt, dass noch Geld im Kulturhaushalt übrig war und lud Künstler und die ganze Eventbranche ein, schnell Formate zu entwickeln, um sie noch im Sommer umzusetzen. Hat prima geklappt.
Dommermuth: So etwas funktioniert nur mit den vielen künstlerisch-kreativen Köpfen in der Kulturszene und weil es ein Netzwerk gibt.

Haben Sie Sorgen, dass die Politik die Bedeutung der Kultur für den Menschen nur unzureichend erkennt?
Oestersötebier: Den Eindruck habe ich schon. Man müsste alles tun, um kulturelle Veranstaltungen mit den gebotenen Sicherheitsabständen und Hygienemaßnahmen weiter stattfinden zu lassen. Kultur bildet und fördert den menschlichen Umgang miteinander. Wenn The Sazerac Swingers schwarze Musiker aus den USA einfliegen lassen, dann wollen wir durch ihre Präsenz auf der Bühne auch ein gutes Beispiel für gelebte Internationalität geben. Sicherlich gibt es manchen unter unseren Fans, der für rechtes Gedankengut ansprechbar ist. Genau dem wollen wir zeigen, dass die Abgrenzung der falsche Weg ist. Das gilt schon innerhalb Europas. Die Sazerac Swingers waren die erste deutsche Band in einem jüdischen Pariser Club, der bis dahin jede deutsche Gruppe abgelehnt hatte. Heute sind wir Freunde, das ist Völkerverständigung, wie sie sein muss. Unsere Großväter kamen noch mit dem Panzer nach Holland, wir mit ner Kiste Bier. Wunderbar. Wenn sich jetzt die politischen Tendenzen zur gegenseitigen Abschottung durchsetzen, geht vieles kaputt. In diesem Zusammenhang kann man sich nur über das Engagement unserers Kulturdezernenten Andreas Kimpel freuen, der das europäische Kulturaustauschprogramm C-City vorantreibt.
Dommermuth: Stimmt, das Schließen von Grenzen macht ganz viel kaputt. Es kann nicht sein, dass der Franzose schief angeguckt wird, weil er ja das Virus mitbringen könnte. Da steckt auch ein Stück Nationalismus mit drin und diese Entwicklung kann ganz kräftig nach hinten losgehen, der Kollateralschaden durch Spaltung und Abschottung würde riesengroß sein.

Welchen Wunsch hätten Sie in Richtung Stadt Gütersloh?
Oestersötebier: Ich denke, das Wichtigste ist jetzt erst mal, die Infektionszahlen runterzukriegen. Wir müssen aber auch lokal aufpassen, dass die Kultur nicht das Opfer von Corona wird. Wir können auch nur noch darüber verhandeln, wie wir mit Corona umgehen. Corona ist jetzt da und wird bei uns bleiben – wie die Grippe. Das ist eben Evolution. Wir müssen also einen Umgang damit entwickeln. Ich bin überzeugt, dass die Kultur- und Veranstaltungsbranche gute Lösungen hat. Und sie steht ja auch für ganz, ganz viel Wertschöpfung und entsprechend viel Steuern an den Staat, womit er wiederum unsere Gesundheit schützen kann. Sazerac Swingers hat jetzt ein Fahrzeug für 60.000 Euro bei einem Gütersloher Autohaus gekauft. Das ist also eine Wirtschaftsleistung, die wir erbringen, was nur funktioniert, wenn wir die Chance dazu bekommen. Es wäre auch schön, wenn die Menschen mehr verstehen, dass Kultur Geld kostet, weil so viele Menschen im Background daran mitarbeiten. Die sieht man aber viel zu wenig. Diese „Kultur umsonst“-Tradition in Gütersloh sehe ich sehr kritisch.

Kultur umsonst führt aber viele Menschen zu Erlebnissen, die sie sonst vielleicht gar nicht hätten. Sehen Sie darin nicht einen Vorteil?
Oestersötebier: Natürlich braucht man niederschwellige Angebote, um kulturferne Menschen zu erreichen und mit unserer Musik zum Beispiel den Zugang zur Jazzwelt zu vermitteln. Wir freuen uns über jeden Maurer, der zu unseren Konzerten kommt, anstatt immer nur 1Live zu hören. Aber es muss auch nicht umsonst sein. Ich wünsche mir durchaus weiterhin niederschwellige Angebote, aber gleichzeitig mehr Bewusstsein dafür, was das eigentlich für einen Wert hat. Ich glaube schon, dass Corona uns dabei hilft, dieses Bewusstsein zu schärfen. The Sazerac Swingers spielen übrigens nur noch da, wo das Sponsorengeld nicht mehr alles abdeckt, damit auch der einzelne Konzertbesucher die Wertigkeit erkennen kann.
Dommermuth: Ich würde mir wünschen, dass die allgemeine Wertschätzung für die Arbeit, die hinter der Schaffung eines Kulturangebotes steht, größer ist. Denn alle profitieren davon. Für die, die auf und hinter der Bühne arbeiten, ist es unheimlich motivierend, wenn das Publikum begeistert ist. Und diese wiederum genießen ein tolles Konzert, Event, Aufführung, Incentive. Dabei trägt jeder kleine Beitrag zum Erhalt eines vielfältigen kulturellen Angebotes bei.