Gekommen, um zu bleiben 

Autor: gt!nfo

28.12.2022

Text: Susanne Zimmermann


Was ist Heimat? Die Sprache, die Landschaften, die Gerüche der Kindheit? Eine Umgebung, die Sicherheit und Geborgenheit gibt? Menschen, denen man vertraut, Familie, Freunde? Ein Ort, der sich richtig anfühlt? Khalil Amiri würde vermutlich alle diese Fragen mit Ja beantworten. Doch für den 34-Jährigen, seine Frau Rema und seine Kinder gab es in der Geburtsheimat keine Zukunft mehr. 2014 verließ die Familie Afghanistan auf der Flucht vor den Taliban. Im Sommer 2015 kam sie in Gütersloh an – ein Zufallsort im Rahmen der Verteilung von Geflüchteten auf NRW-Städte. Doch nach sieben Jahren fühlt sich Gütersloh noch immer „richtig“ an für Khalil Amiri und seine Familie. Sie sind gekommen, um zu bleiben und Teil dieser Stadt zu werden, die sie aufgenommen hat, als sie "mit gerade mal einem Rucksack" hier angekommen sind.

Ein Abend in einer geräumigen Gütersloher Altbauwohnung am Rand der Innenstadt. Es riecht noch ein wenig nach "frisch gestrichen", aber Wohnzimmer und Essbereich sind schon so, wie man es sich wünscht, wenn man seinen Umzug plant. „Wir haben lange gesucht“, sagt Khalil Amiri. Manchmal sei ihm der Gedanke gekommen, dass Name, Haarfarbe oder Aussehen ein Grund für die Schwierigkeiten sein könnten, bis er festgestellt habe, dass es auch Güterslohern ohne „Migrationshintergrund“ so geht. Große bezahlbare Wohnungen für Familien mit drei Kindern sind rar in der Stadt. Die Altbauwohnung haben sie dann mit Hilfe von Bekannten gefunden - gut 100 Quadratmeter, komplett renovierungsbedürftig und doch die Erfüllung eines Traums.


Khalil Amiri hat in den vergangenen Monaten fast seine ganze Freizeit damit verbracht, ein Heim daraus zu gestalten. Noch sei einiges zu tun, entschuldigt er sich im Gespräch. Aber auf das, was er da geschaffen hat, darf er stolz sein: Hell und gemütlich sieht alles aus mit der großen Couch und den gemusterten Tapeten - auf die Herkunft verweisen afghanische Teppiche, das moderne Sofa bietet viel Platz und ist typisch für den Stil junger Familien. Fireshteh, die älteste Tochter, hat nun endlich ihr eigenes Zimmer. Die Zwölfjährige geht auf das Städtische Gymnasium. „Eine sehr gute Schülerin,“, sagt Khalil Amiri, nicht ohne Schule und deutsches Schulsystem zu loben, aber der Vaterstolz ist schon auch gut raus zu hören. Die beiden jüngeren, Elena (6) und Aydin (9), gehen in die Grundschule. Manchmal, so sagt er, würden die Kinder ihn aufziehen, wenn er nicht so gut Deutsch spreche. Die drei sind mit der deutschen Sprache aufgewachsen - auch die Älteste, die vier war, als die Familie in Gütersloh ankam. 

Aber auch die Eltern haben von vornherein darauf gesetzt, dass sprachliche Verständigung ein Schlüssel zum Bleiben ist. Und genau deshalb spricht Khalil Amiri sehr gut Deutsch. Der Sprachkurs mit dem B1-Niveau als Abschluss, den er absolviert hat, ist die Grundlage. Aber im Gespräch wird schnell deutlich, dass es ihm immer wichtig war, sich verständigen zu können, zu lernen und seine Kenntnisse weiter zu entwickeln. Das gilt auch für die Arbeit. Nach der Ankunft in Gütersloh noch vor dem ganz großen Flüchtlingsstrom 2015, wo ihm und seiner Familie eine kleine Wohnung in Blankenhagen zugewiesen wurde, konnte er ein Praktikum in einer Landschaftsgärtnerei machen. Die bot ihm danach gleich einen befristeten Job an. Aber von vornherein war Khalil Amiri klar: „Ich muss eine Ausbildung machen.“ Zunächst habe er versucht, im gelernten Beruf als Techniker Fuß zu fassen. Als das nicht gelang, hat er das Angebot Altenpflegehelfer zu werden angenommen - eine einjährige Ausbildung, für die er zuvor den Schulabschluss der zehnten Klasse nachweisen musste. Nach dieser Ausbildung im Seniorenzentrum am Domhof sattelte er drauf: drei Jahre Ausbildung zum Kranken-/Alten- und Kinderkrankenpfleger drauf. Zwei davon hat Khalil Amiri bereits absolviert, zurzeit ist er in der LWL-Klinik im Einsatz. 


Bereut habe er diesen Schritt in ein ganz anderes Metier niemals, sagt er. Nicht nur, weil ihm das Berufsbild breit gefächerte Einsatzmöglichkeiten bietet und seine Arbeitskraft als Pfleger in allen Bereichen dringend gesucht wird. Ein wenig habe er auch etwas zurückgeben wollen für das, was er und seine Familie am Anfang an Unterstützung bekommen hätte: "Uns haben viele ältere Menschen geholfen, als wir nach Deutschland kamen. Warum soll ich nicht auch ihnen helfen," begründet er seine Entscheidung für die Altenpflege und kann dabei auch auf die Kultur seines Heimatlandes verweisen: Respekt vor den Alten und ihrer Erfahrung, der auch in der Geste eines Handkusses der Jüngeren gegenüber den Älteren Ausdruck findet. Ja, es sei kein einfacher Beruf, gibt Khalil Amiri durchaus zu. Aber er habe immer in einem guten Team gearbeitet.


Ein Teamplayer ist er auch in seiner Freizeit. Seit einem Jahr spielt er Fußball beim GTV in der Kreisliga B und hilft bei der F-Jugend, in der auch der Sohn spielt. Herzensanliegen ist ihm außerdem die internationale Mannschaft, die er aufgebaut hat und in der sich ca. 20 Fußballbegeisterte im Alter zwischen 18 und 50 sonntags auf dem Sportplatz am Nottebrocksweg treffen - Umgangssprache Deutsch. Und auch für Landsleute in Gütersloh ist er unterwegs, für Übersetzungen ebenso wie mit Anliegen die Community betreffend. So ist er mit dem Gütersloher Integrationsbeauftragten Frank Mertens im Gespräch, weil ein Treffpunkt für Frauen gesucht wird. Nachdem die jüngste Tochter nun in die Schule gekommen ist, strebt auch Khalil Amiris Ehefrau Rema eine Ausbildung zur Erzieherin an, ebenfalls einem Beruf, der hier dringend benötigt wird.

Über den Iran, Griechenland und Mazedonien kam die Familie vor über sieben Jahren nach Deutschland, über München und Düsseldorf schließlich nach Gütersloh. Hier zu bleiben stand niemals in Frage: „Die Stadt ist klein, aber fein“, sagt Khalil Amiri, und Deutschland sei ein sicheres Land, in dem Fleiß zähle und der Wert der Menschen. Die Familie hat hier Freunde gefunden und die Kinder eine "deutsche Oma". Kristina Nitscki, eine Bekannte, die hilft, wo noch Unterstützung nötig ist, und ein wenig ist sie wohl Ersatz für die Familie in Afghanistan. 


So fallen Khalil Amiri auf die Frage nach Merkwürdigkeiten, die ihm am Anfang in Deutschland begegnet sind, spontan nur das Wetter und einige Tücken deutscher Aussprache ein. Das Problem mit „heiß-kalt-kälter-Regen“ hat er ganz pragmatisch mit einer Wetter-App auf dem Handy gelöst, „damit ich nicht mit zu dünner Jacke raus gehe:“ Und auch Worte wie „Postleitzahl“ oder „Bushaltestelle“, die zu den komplizierten Früh-Erfahrungen im Deutschunterricht gehörten, kommen ihm schon lange akzentfrei über die Lippen. Khalil Amiri ist mit seiner Familie angekommen. 

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In Zahlen

Zum Stichtag 31. Januar 2022 lebten in Gütersloh 17.807 Menschen mit ausländischer Staatsbürgerschaft, im Vergleich zu 2017 entspricht das einer Steigerung um 23 Prozent. Diese Zahlen umfassen sowohl Geflüchtete als auch Arbeitsmigranten oder Migration aufgrund familiärer Bindungen. 

Zum Stichtag 22.8.22 lebten in Gütersloh 1.335 geflüchtete Menschen in städtischen Unterkünften. Die größte Gruppe bilden aktuell Geflüchtete aus der Ukraine mit 609 Personen, 172 Personen kommen aus Syrien, 151 aus dem Irak und 114 aus Afghanistan. Nicht erfasst sind hier die Personen, die nicht in städtischen Unterkünften leben.

(Quelle: Ausschussberichterstattung, Ratsinformationssystem der Stadt Gütersloh)

 

Familie Amiri: für Fireshteh, Rema, Elena, Khalil und Aydin ist Gütersloh Heimat geworden. Bilder: privat


 

Khalil Amiris Mannschaft ist international: FC Myhan bedeutet „Heimat“.

 

 

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