Armut macht krank

Autor: gt!nfo

Fotos: Susanne Zimmermann

05.12.2022

Wann ist ein Mensch arm? Die Definition der EU setzt hier den allgemein anerkannten Standard: Wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zum Leben hat, gilt als armutsgefährdet. In aktuellen Zahlen heißt das: Bei Alleinerziehenden mit zwei Kindern unter 14 Jahren liegt die Armuts-Schwelle statistisch gesehen bei 1.836 Euro, in der Konstellation von erziehenden Paaren bei 2.410 Euro. Migrationshintergrund und niedrige Renten sind ebenfalls Marker für ein deutlich erhöhtes Armutsrisiko, auch das weisen globale und lokale Statistiken nach. Aber wie kann es sein, dass Armut krank macht? - Prof. Dr. Michael Löhr, Gesundheitswissenschaftler und Pflegedirektor der Gütersloher LWL-Klinik hat in seinem Vortrag vor der Gütersloher Armutskonferenz Zusammenhänge aufgezeigt. Dabei hat er nicht nur eigene Erfahrungswerte aus dem Klinikalltag eingebracht, sondern offensichtlich auch den Nerv der Mitglieder in der Armutskonferenz getroffen. Denn sie bestätigen Entwicklungen, die auch in einer vergleichsweise gut situierten Stadt wie Gütersloh Anlass zur Besorgnis geben.  


 Kinder sind aus Sicht von Löhr die am stärksten betroffene Gruppe. Aktuelle Jugendstudien, aber auch die lokale Statistik belegen das: In Gütersloh lag 2019 die Kinderarmut - gemessen am Bezug von Mindestsicherungsleistungen von Kindern unter 18 Jahren - bei 15 Prozent . Und bereits im Familienbericht der Stadt werden etwa 26 Prozent der Familien und 31 Prozent der Kinder in arme oder armutsnahe Verhältnisse eingestuft. Von den Vertreterinnen der Gütersloher Tafel kommt eine Bestätigung: 40 Prozent Kinder werden hier mitversorgt.


„Gefährlicher als Adipositas oder Bluthochdruck" stuft eine internationale Statistik das Armutsrisiko für die Gesundheit ein und verweist auf eine verkürzte Lebensdauer. Anhand verschiedener Parameter erbringt eine umfassende Studie des Robert-Koch-Instituts aus dem Jahr 2019 den Nachweis für eine erkennbare Beziehung von Einkommenshöhe und Gesundheitsverhalten bei Kindern und Jugendlichen. Ergebnis zu Essgewohnheiten und Freizeitaktivitäten: Wo sich das Einkommen im Haushalt an der Armutsgrenze bewegt, gerät die gesundheitliche Achtsamkeit ins Hintertreffen – messbar unter anderem am Konsum zuckerhaltiger Getränke, am mangelnden Verzehr von frischem Obst oder Gemüse, an mangelnder Bewegung. Aber der „Teufelskreis Armut-Gesundheit“ dreht sich, so Löhr, über die rein körperlichen Defizite hinaus weiter und lasse sich nicht zuletzt auch im Behandlungsalltag der LWL-Klinik nachweisen. 


Löhr bringt es mit dem Topos der „mangelnden Teilhabe“ auf den Punkt: Leben am Existenzminimum führt zu Einsamkeit, denn es geht nicht nur um Geld allein. Und das gilt für Erwachsene und Kinder. Armut ist noch immer ein Stigma, führt zu mangelndem Selbstwertgefühl, dem Verlust von Würde. Auch wenn staatliche Hilfen rein finanzielle Grundbedarfe auffingen, so bleibe doch immer das Gefühl mangelnder Selbstwirksamkeit und der Schritt um Hilfe bitten zu müssen, sagt Löhr. Allein aus diesem Grund scheint ihm die in Politik und Medien in den vergangenen Wochen geführte Diskussion um die Modalitäten eines Bürgergelds absurd. Die horrenden Energiekostensteigerungen, die Entwicklungen der vergangenen Monate und damit verbundene Unsicherheit mit Blick auf die Zukunft verschärften die Situation.  

Doch Gesundheitswissenschaftler Löhr belässt es nicht bei der Analyse. Er zeigt in seinem Fazit Lösungsansätze auf, die auch als Appell an die Politiker und Politikerinnen der Gütersloher Ratsfraktionen verstanden werden können. Mit Blick auf die lokale Situation mahnt er eine aktuelle Datenbasis an, um verstärkt auch präventiv tätig werden zu können. Grundlage ist für ihn aber vor allem, „die Betroffenen selbst zu Wort kommen zu lassen.“ Dem Thema Armut und Armutsprävention müsse angesichts der besorgniserregenden Tatsache, dass die Armutsgefährdung trotz sinkender Arbeitslosigkeit steigt, deutlich mehr Gewicht zukommen. Eine eigene Abteilung – „Referat für Armut“ - schlägt er für die Stadtverwaltung vor.  


Zur To-Do-Liste gehört für ihn grundsätzlich die umfassende "Ermöglichung von Teilhabe" : Das in diesem Jahr eingeführte Schülerticket ist für ihn ein guter Schritt. Kostenlose Angebote insgesamt für den ÖPNV, aber auch für Kultur und Bildung in Theater, Museen, VHS oder Musikschule gehören für ihn ebenso zur Teilhabe aller wie kostenlose Schulspeisungen, der Abbau von „diskriminierenden Strukturen wie Hausaufgaben“ sowie niederschwellige Angebote von Gesundheitsleistungen, an den Orten, an denen Bedarf besteht. Hinweise auf knappe Kassen lässt Löhr nicht gelten: „Staatliches Interesse ist hier gefragt“, nennt er Beispiele für Stellschrauben im Steuerrecht, in der Überprüfung von Steueroasen und anderen Eingriffen. „Geld scheint genug da zu sein“, kommentiert er Entscheidungen auf staatlicher Ebene. Frage sei, wo die Prioritäten gesetzt werden.

Die gehen für Löhr ganz klar in Richtung akuter Handlungsbedarf - und dies auch vor dem Hintergrund aktueller Klinikerfahrungen: „Die Auswirkungen der Pandemie bekommen wir zu spüren, aber hier stehen wir noch am Anfang. Armut, Einsamkeit und Angst werden zunehmend große Themen.“ Besonders Kinder und junge Menschen seien mit der Situation überfordert gewesen. Löhr: „Gerade die Kinder sind durchs Raster gefallen.“

 ---------------------------------------------------

Die Armutskonferenz

Armut sichtbar zu machen und Sorge tragen für soziale Gerechtigkeit in der Stadt ist ein erklärtes Ziel der Gütersloher Armutskonferenz, einem Netzwerk aus Mitarbeitern und Mitarbeitern von Gütersloher Sozialeinrichtungen, aus Organisationen, Verbänden, Politikern und Politikerinnen sowie engagierten Einzelpersonen. Ihr Sprecher ist Volker Brüggenjürgen, geschäftsführender Vorstand des Caritas-Verbandes für den Kreis Gütersloh.

 

„Armut fällt nicht vom Himmel," sagt Professor Dr. Michael Löhr und zeigt Zusammenhänge zwischen Leben am Existenzminimum und Gesundheit auf.

Engere Zusammenarbeit zwischen Armutskonferenz und LWL-Klinik kündigt Sprecher Volker Brüggenjürgen nach dem Vortrag von Professor Dr. Michael Löhr an

 

Kinderarmut belegen auch lokale Statistiken: Zahlen aus dem Jahr 2019.

Quelle: Fortschreibung des Sozialberichts der Stadt Gütersloh S. 34/35.

Unsere Website verwendet Cookies. Bleibst Du weiter auf unserer Website, scheinst Du nicht nur von der Seite begeistert zu sein, sondern stimmst auch der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen findest Du hier