Reden wir mal über: ... Lesen!

Heiner Wichelmann

Autor: Heiner Wichelmann

Fotos: Heiner Wichelmann

02.06.2022

Zwei Menschen, die eine Leidenschaft eint: gt!nfo bringt sie zusammen und lauscht ihrem Gespräch. Ohne Vorgaben, ohne ein verabredetes Ziel. Es geht nicht um Dissens, Konflikt, Streit, es geht um einen Gedankenaustausch über ihre Passion, ihre Hingabe, ihr Hobby, auch aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Die Themen sind so bunt wie das Leben, alles ist möglich: Wein zum Beispiel, oder Garten, Fußball, Erziehung, Bücher. LESEN! Mit diesem Thema starten wir abseits von Interview und Aktualität eine Gesprächsserie, die in lockerer Folge erscheinen soll.

 

Bearbeitung: Heiner Wichelmann

 

Für unseren Einstieg haben wir zwei Gütersloher eingeladen, die sich ein Leben ohne Bücher, ohne

Literatur, nicht vorstellen können, und dies seit Kindestagen: Vera Corsmeyer (25, Buchhändlerin) und Hans-Werner Küster (71), einer ihrer früheren Deutschlehrkräfte am ESG, haben viel zu erzählen. Wir haben reingehört.

 

Hans-Werner Küster: Ich werde mal um der Historie willen beginnen und erzählen, wie ich zum Lesen gekommen bin. Ich erinnere mich an gefährliche Lesestunden mit Schund, wie man früher sagte. Das waren immer harte Kämpfe, als Kleinkind Comics kaufen zu dürfen. Ich liebte Mickey Mouse und Donald Duck, später, mit 12 oder 13 Jahren, dann Prinz Eisenherz, Perry Rhodan und Kommissar X. Meine Mutter befürchtete wie die meisten damaligen Erwachsenen, dass mit diesem Lesestoff die Bildung zum Teufel gehen würde. Den „Schund“ mussten wir Jugendlichen natürlich heimlich lesen. In der Schule war’s gediegen: Wilhelm Tell selbstverständlich und Geschichten von Theodor Storm. In der Oberstufe, als man heller im Kopf wurde – heute sind es die Jugendlichen übrigens schon viel früher – wurden wir dann durch den Literaturkanon geschleift. Für das Abitur war Goethes Faust Pflichtlektüre. Nebenbei habe ich damals aber auch schon viel politische Literatur gelesen. Und so türmen sich bis heute die Bücher in meiner Wohnung, wobei ich mich durchaus auch von Büchern trennen kann, wenn sie buchstäblich aus dem Leim gehen. Oder, wie in den 1970er-Jahren üblich, mit viel zu kleiner Schrift geschrieben wurden.

 

Vera Corsmeyer: Mein Leben mit Büchern lässt sich gut daran ablesen, dass bei meinem Umzug die Regale Thema Nummer 1 waren. 

 

Küster: Und bei meinem Umzugsunternehmen das größte Problem, da wanderten etliche Regalmeter Bücher in die Kisten.

 

Corsmeyer: Ich bin in einer buchaffinen Familie aufgewachsen. Lesen war immer selbstverständlich, Bücher, Zeitschriften, Literatur omnipräsent: Vom „Lustigen Taschenbuch“ über Bilderbücher bis hin zu den Klassikern. Mein Bruder und ich hatten die Möglichkeit, viel zu entdecken. Mein Weg zu den Büchern lässt sich wohl so beschreiben: Ich habe angefangen zu lesen und bis heute nicht aufgehört. Als Kind hat mich Erich Kästner begeistert – und er begleitet mich noch immer mit seinen Texten. In der Schule lasen wir Buddenbrooks und auch Wilhelm Tell. Es hatte sich also bis zu meinem Jahrgang wenig im Kanon geändert. Die Aktualität endete leider mit Am kürzeren Ende der Sonnenallee von Thomas Brussig. Das ist schade, denn die heutige Literatur bietet viel mehr. Sie ist viel diverser aufgestellt, es gibt neue Perspektiven, neue Stile. Ein Beispiel ist für mich Streulicht von Deniz Ohde, ein spannender, autobiographischer Einblick in die Klassen- und Bildungsungerechtigkeit in Deutschland.

 

Küster: Oder Christian Baron: Ein Mann seiner Klasse, in dem er seine Kindheit und Jugend – er wuchs in schrecklichsten Verhältnissen auf – literarisch gestaltet erzählt. Dabei schafft er es, Verständnis für seinen Vater, für seine Eltern zu formulieren. Er erkennt im Schreiben über seine Vergangenheit, unter welchen Zwängen sie leben mussten. Es geht nicht um abstrakte soziologische Analysen, sondern es werden individuelle Schicksale dieser Menschen wie unter einem Brennglas in den Blick genommen. Ein bedeutendes Beispiel für zeitgenössische deutschsprachige Literatur, übrigens von französischen Autorinnen und Autoren beeinflusst.

 

Corsmeyer: Literatur öffnet uns die Welt. Bücher stehen für das Erkennen und das Wiedererkennen und sie fordern uns; sie sind universell. Gibt es die wichtigsten Bücher, also die, die man gelesen haben muss vor allen anderen? Ehrlich: Das kann ich nicht sagen. Entscheidend ist für mich, beim Lesen in andere Köpfe blicken zu können. Diese Möglichkeit bietet mir Literatur, egal, ob ich ein Buch eines „alten weißen Mannes“ aus Deutschland oder einer jungen Feministin aus Südamerika lese. Ich trete dann in einen Dialog mit ihnen, wobei das Lesen zwar in gewisser Weise eine einsame Tätigkeit ist, aber ich fühle mich dabei eben nicht allein, im Gegenteil. Und nach dem Lesen ist das Bedürfnis, mich mit anderen auszutauschen, endlos. Übrigens, das fällt mir gerade ein: Wissen Sie, welches Buch während der Pandemie besonders gefragt war? Die Pest von Albert Camus. Es gab ein großes Bedürfnis nach Literatur, die GütersloherInnen sind sehr lesefreudig, nicht nur in Zeiten von Corona.

 

Küster: Mich faszinieren die vielen Stilmittel der Literatur. Sprache kann so unterschiedlich eingesetzt werden. Sprache in der Literatur, also in einem erfundenen Geschehen, kann verfremden und verdichten, verzerren und erhellen. Ich bin aber auch beeindruckt davon, wie Historikerinnen und Historiker erzählen können. Der Historiker Michael Wildt schafft in seinem Buch Zerborstene Zeit über den Zeitraum von 1918 bis 1945 eine besondere Erzählinstanz. Sie verbindet Tagebuchberichte mit der Darstellung des damaligen historischen Geschehens. Das ist ein Mittel, Perspektivenvielfalt zu konstruieren. Lesen ist übrigens im Grunde genauso „asozial“ wie Daddeln, das ja auch nur ein Reflex auf ein soziales Bedürfnis ist und anregt. Die Tätigkeit des Lesens ist zwar keine soziale, aber wie ich damit umgehe, was ich danach nach außen vermittle – das hat soziale Qualität.

 

Corsmeyer: Dafür bietet sich ein Lesekreis an: Er kann unfassbar bereichernd sein. Jeder hat eine andere Lesebiographie und Lebenssituation. Es muss aber eine Gruppe sein, die bereit zum Diskurs, zum Austausch ist – was bei LeserInnen meistens der Fall ist.

 

Küster: Lesen Frauen mehr Romane als Männer? Im 18. Jahrhundert wurden Frauen ja vor dem Lesen gewarnt. Sie kümmerten sich dann nicht um den Haushalt und sie könnten auf den Gedanken gekommen sein, dass ihre Ehe doch nicht so toll war.

 

Corsmeyer: Klar, Frauen lesen auch heute noch mehr Romane als Männer. Da fällt dann schnell der Begriff „Frauenliteratur“, eine Bezeichnung, der ich kritisch sehe, weil sie einschränkt und oft negativ konnotiert ist. Was soll „Frauenliteratur“ aussagen? Ist es von Frauen, über Frauen oder sind Frauen die Zielgruppe? Meine Lektürewahl ist an kein Geschlecht gebunden.

 

Küster: Ich glaube, wir sind uns einig, dass die Vielfalt der Blicke auf die Menschen und auf die Welt entscheidend ist. Das kann Literatur am besten. Dazu kommen die Sprache, die Geschichte, der Sog, der einen in ein Buch reinziehen kann. Ich kann mich vollkommen ins Lesen verlieren.

 

Corsmeyer: Literatur kann Orientierung geben, ein kurzes Setting des Verlages im Klappentext reicht aber nicht. Fundierter, langfristiger ist immer das ganze Buch. Ich lese in der Regel ein Buch von vorne bis hinten durch, nicht quer und nicht springend. Allerdings habe ich inzwischen gelernt, nach 50 Seiten, diese Chance gebe ich jedem Buch, auch mal abzubrechen oder die dritte Beschreibung einer Waldlichtung nur noch zu streifen. Ganz überblättern gibt es nicht, denn ich bin immer auf der Suche nach dem entscheidenden Absatz.

 

Küster: Ich lasse mich übrigens gerne im Buchladen beraten. Und in einem gewissen Sinne auch von Literaturempfehlungen der FAZ: Wenn die ein Buch zerreißen, ist es meistens gut, habe ich festgestellt. Übrigens kaufe ich meine Bücher hier in Gütersloh, wenn ich sie andernorts in einem Buchgeschäft entdeckt habe. Ich stelle übrigens fest, dass mein Konsum an Lesestoff durch das schier unendliche Angebot in den sozialen Medien enorm zugenommen hat. Im Grunde ersaufe ich dabei. Vor furchtbaren Fehlgriffen werde ich dann hier im Buchhandel bewahrt.

 

Corsmeyer: Soziale Medien bieten auch Chancen. Ich beziehe ganz viel Austausch und Empfehlungen über Instagram. Da findet jeder sein Umfeld, von „hochliterarisch“ bis zu „Science Fiction“. Die Juryvorsitzende des Deutschen Buchpreises 2022, Miriam Zeh, zum Beispiel, ist unfassbar aktiv auf Instagram, dort lässt sich vieles entdecken. Man merkt übrigens, welche Macht die sozialen Netzwerke mittlerweile haben. Was dort gerade gehypt wird, schlägt bei uns in der Buchhandlung nieder. Verlage arbeiten mit Bloggern zusammen. Es gibt tolle Lesungen, die online gehen. Gerade während der Pandemie entwickelten sich neue Formate der Literaturvermittlung. Auch der Podcast-Markt ist gigantisch – von Belletristik über Sachbuch bis zum Kinderbuch. Großartig war neulich die ganz erfrischende Begegnung von Thea Dorn mit einer Gruppe von 15- bis 20-Jährigen Lesefans. Beide Seiten lernten viel voneinander. Spannend!

 

Küster: Wir teilen wohl beide nicht die pauschale Kulturkritik an den sozialen Medien. Ich halte es für eine enorme Leistung, dass der Dialog, das Kommentieren und die Diskussion zwischen so vielen Menschen so viel intensiver ist, als es das Leserbriefformat vermag. Die sozialen Medien machen aus Leserinnen und Lesern auch Produzenten. Das ist ein Quantensprung.

 

Corsmeyer: Dennoch bleibt für mich das Buch, dieses haptische Erlebnis, das mit Abstand bedeutendste Format. Der gedruckte Text bleibt anders hängen. Bücher geben einem die Möglichkeit, einen ganz neuen Horizont zu erfahren, sich intensiv damit zu beschäftigen. Zeitungen geben meist Ansatzpunkte, Onlinequellen für weniger fundiert gehalten. Oft wird man ja gefragt, was die wichtigsten Bücher in meinem Leben bisher gewesen sind. Ich kann diese Frage nicht beantworten. Viele haben mich stark bewegt, Weiter leben von Ruth Klüger beispielsweise oder Das Lächeln meines unsichtbaren Vaters von Dmitrij Kapitelman, durch das ich dann zu Leon Uris‘ Exodus, das Buch über die Geschichte Israels, gekommen bin. Was ich sagen kann: Literatur hat mich viel politischer gemacht und überzeugter, wie wichtig es ist, für seine Überzeugung einzustehen, gleichzeitig Diskurse zuzulassen und sich nicht auf eine Meinung zu versteifen, was leider heute oft passiert. Stattdessen andere Blickwinkel zu lernen.

 

Küster: Die Erzählung von Dmitrij Kapitelman ist begeisternd. Das wäre zum Beispiel für mich eine Antwort auf die Frage, was in unserer Zeit gelesen werden muss.

 

Corsmeyer: Dazu gehört dann ebenfalls Carolin Emcke: Gegen den Hass. Und alle Texte von Roger Willemsen. Aber ich bleibe dabei: Den Fokus auf bestimmte Bücher zu lenken, ist eher nicht hilfreich. Das Buch ist ein so unschätzbar niederschwelliges Medium und es ist ebenso wertvoll, eine Geschichte „nur“ zur Unterhaltung zu lesen. Bücher sollen Spaß machen, begeistern. Das können sie.

 

Küster: Schön, dass viele Menschen in Gütersloh eine ausgesprochene Lesekultur pflegen, über alle Generationen hinweg. Ich möchte hier gerne eine Lanze für unsere Schülerinnen und Schüler brechen. Die lesen oft mehr als die Älteren, die über sie schimpfen.

 

Corsmeyer: Ich möchte auch das Schwarzmalerische der Kulturverdrossenheit zurückweisen. Wir erleben in der Buchhandlung täglich das Gegenteil. Und zur Schule: Die „Pflichtlektüre“ von Wolfgang Koeppens Tauben im Gras begleitet mich bis heute.


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